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Generalprobe mit Bierpausen

 

AUS KÖLN HENK RAIJER

Keine Streicher, kein Frack, kein Taktstock. Dafür jede Menge lockerer Sprüche und ein, zwei Becks unterm Pult. Orchesterprobe im Gemeindesaal der Kölner Lutherkirche. Eine knappe Stunde nach dem vereinbarten Termin haben auch die ganz Gemütlichen ihre Plätze im Kreis eingenommen. Toningenieur Alexej kurbelt noch schnell die Mikros an den Congas herunter und gibt dem Orchesterchef ein Zeichen.

Fünf Stücke der neuen CD will Alessandro Palmitessa auf dieser letzten Probe vor der nahenden Präsentation noch mal in Gesamtbesetzung durchgehen. "Für das erste Stück brauche ich eine starke Gitarre", sagt der 37-jährige Italiener mit dem kleinen Zopf und dem tief schwarzen Dreitagebart. Dabei schaut er Erwin Grote herausfordernd an und ballt seine rechte Hand zur Faust. Grote nimmt erstmal einen Schluck, zieht seinen grünen Schlapphut tiefer in die Stirn und zupft zwei, drei Akkorde auf seiner elektrisch verstärkten Akustikgitarre.

Zwei Flöten, zwei Gitarren, ein Schlagzeug, ein Flügelhorn, eine Posaune, eine Klarinette, mehrere Saxophone und Trommeln sowie eine Sperrholzkiste als Kontrabass bilden zusammen mit drei Stimmen den Klangkörper des Menschensinfonieorchesters (MSO) Köln, eines nicht ganz alltäglichen Ensembles. 16 aktive Mitglieder aus sieben Nationen zählt die Truppe um Alessandro Palmisetta - wenn alle zur Probe erscheinen und dort auch halbwegs nüchtern sind.

Das MSO ist wohl das einzige Orchester in Deutschland, in dem Berufsmusiker, Amateure und Berber unter professionellen Bedingungen zusammen Musik machen. Die Idee, ein Ensemble aus "normalen Musikern" und sozial isolierten, nicht sesshaften Menschen ins Leben zu rufen, hatten im Jahre 1999 der diplomierte Saxophonist Alessandro Palmisetta und der Kölner Pfarrer Hans Mörtter. Letzterer hatte soeben das Obdachlosencafé Vringstreff in der Kölner Südstadt mit begründet, ersterer trat dort regelmäßig solo oder mit einer Jazzcombo auf. "Immer öfter wollten da welche mitspielen", erzählt der aus der Nähe von Bari stammende und seit 1997 in Köln lebende Komponist Palmisetta, "darunter echte Naturtalente."

Seit Januar 2001 tritt das im Jahre 2005 mit dem Förderpreis der Rheinischen Sparkassen ausgezeichnete Menschensinfonieorchester im Schnitt zwei Mal im Monat vor Publikum auf, eine erste CD wurde 2002 mit Unterstützung von Markus Stockhausen, Helmut Zerlett und dem Kölner Urgestein Klaus der Geiger aufgenommen, Titel: "Bad times, good music!". Die zweite, "Tanz mit mir/Balla con me", ist gerade fertig geworden und wird heute Abend in der Kuppel von Renzo Pianos Weltstadthaus in der Kölner City mit fünf Live-Einlagen des Orchesters plus Brings-Bassist Stephan Brings der Öffentlichkeit vorgestellt.

Zu den Proben zwei Mal die Woche kommt Fritz Habegger gern. Die CD zu produzieren, hat dem Bassisten mit dem smaragdgrünen Klunker im linken Ohr ebenfalls Spaß gemacht. Was aber die feierliche CD-Präsentation mit viel Prominenz angeht, "weiß ich eigentlich nicht so recht, was ich da soll", fragt sich der hagere 50-Jährige, der auf dem Kölner Bauwagenplatz "Wem gehört die Welt" ein Wohnmobil sein Eigen nennt. Der gelernte Zimmermann aus Zürich, der vor zwei Jahrzehnten "wegen einer Liebe" ins Rheinland zog, ist beim MSO von Anfang an dabei. "Ich hab' damals als Straßenmusiker gearbeitet. Eine Freundin erzählte mir, im Vringstreff in der Südstadt übt 'ne Band, und denen fehlt der Bass", erzählt Fritz Habegger mit breitem, zahnlosen Grinsen.

Blues, Jazz, Ska, Reggae oder Folklore - wenn das Orchester wie an diesem Abend für einen Auftritt probt, steht Fritz Habegger wie immer mit stoischem Blick an seinem Zupfbass, den er eigenhändig aus einer alten Teekiste, einem Besenstiel und einer Wäscheleine gebastelt hat. Neben ihm, wie fast immer in den vergangenen fünf Jahren, Gitarrist Erwin Grote. Der 43-jährige Arbeitslose, der 1981 ohne Berufsausbildung in Köln hängen blieb, Häuser besetzte, sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt und schon mal in Gartenlauben lebte, gehört zum harten Kern des MSO. "Seit Ende der Neunzigerjahre gab's im Vringstreff Mittagessen für ganz wenig Geld, da hing ich damals viel rum mit den Kumpels", erzählt Grote, der zuvor 15 Jahre verheiratet war und aus dieser Zeit vier Kinder hat. "Eines Tages fragte mich Alessandro, ob ich nicht auch Musik mache. Da hab' ich ihm einen Bossa Nova auf der Gitarre vorgespielt und er hat mir von seiner Orchesteridee erzählt."

Die ersten zwei Jahre hätten sie in einem Nebenraum des Obdachlosentreffpunkts geprobt, erinnert sich Erwin Grote, ein kräftiger Typ mit wallendem, grauen Haar und einem blonden Schnurbart über einer kaputten Zahnreihe. "Sechzehn Leute auf fünfzehn Quadratmeter! Das war vielleicht ein Durcheinander mit den ganzen Instrumenten", erzählt Grote, schiebt die Gitarre vom Bauch über die Hüfte zur Seite und langt kurz nach der halb vollen Bierflasche auf der Ablage zwischen den Lautsprecherboxen, bevor der Orchesterchef sein Ensemble auf das nächste Stück einstimmt.

"He, hallo, wir wollen doch nicht kitschig werden", mahnt Alessandro Palmitessa die Bläsersektion nach den ersten Takten von "Zwiebeldiebe", einem Medley aus Dixie und italienischer Tarantela versetzt mit HipHop-Elementen. "Also, noch mal von vorn", bittet er die Truppe und setzt das Sopransaxophon für seinen Einsatz an. "Ich hab' Hunger, lass uns doch erstmal eine Pause machen", fordert Ghome Farej, einer der Trommler, den Palmitessa vor drei Jahren zum Mitmachen eingeladen hatte, der dazu wegen Alkoholprobleme aber zunächst nicht in der Lage war. "No way, alle bleiben hier, das ist eine Generalprobe", bestimmt der Chef.

Obwohl sich das Orchester nach anfänglicher Fluktuation immer weiter professionalisiert und sich die Lebenssituation der meisten anfänglich obdachlosen Mitglieder heute stabilisiert habe, gebe es nach wie vor schon mal Probleme mit der Zuverlässigkeit, sagt Alessandro Palmitessa. "Aber wir sprechen darüber nur, wenn es die Musik stört. Ich mach' hier ja nicht den Therapeuten. Wir haben in unserem Projekt nicht das Ziel, die Menschen, die mit uns arbeiten, zu verändern. Wir wollen sie so akzeptieren, wie sie sind."

"Tanz mit mir/Balla con me" handelt wie schon die erste CD von den Schwierigkeiten, die das Leben für manche bereit hält, von der urmenschlichen Sehnsucht nach Teilhabe und Sin-Fonie, dem Bedürfnis nach Zusammen-Klang. Gefördert wurde das Kölner Multikulti-Orchester gleich nach der Gründung im Jahre 2001 vom Sozialministerium des Landes Nordrhein-Westfalen und dem Landesmusikrat NRW. Heute garantieren Spenden und der Verein Südstadt-Leben den Fortbestand der Gruppe. Letzterer zahlt Alessandro Palmitessa und Toningenieur Alexej inzwischen ein Honorar für ihr Engagement. "Ich träume davon, dass unser Projekt mal zu einer echten Institution wird, damit wir allen Musikern, nicht nur den Profis, ein Honorar anbieten können", sagt Palmitessa, der im Rheinland außer als Solist, Komponist und Arrangeur in mehreren Jazz- und Weltmusikcombos tätig ist. "Ich möchte diese Leute für ihren Einsatz bezahlen können, egal ob sie bei den Philharmonikern arbeiten oder auf der Straße leben."

Bevor er "Ewigkeit", eine Eigenkomposition und das letzte Stück des Abends, mit seinem Solo intoniert, erinnert Alessandro Palmisetta die Sängerin zu seiner Rechten daran, sie möge doch bitte bei "Zwiebeldiebe" nicht Lautstärke mit Intensität verwechseln. "Bei dem Text musst du dich zurücknehmen, Christiane", gibt sich der Leiter pädagogisch. "Wenn du zu laut wirst, überschlägt sich deine Stimme und die Leute kriegen vom Text nichts mehr mit." Dann führt er das Mundstück seines Sopransaxophons an die Lippen und feuchtet das Holzblättchen behutsam an. "Ach so, was ich noch sagen wollte", hebt er dann doch noch mal an und blickt grinsend in die Runde, "wir werden im nächsten Sommer beim Evangelischen Kirchentag auftreten." Der kleine Ghome Farej strahlt und legt ein kurzes Solo auf seiner Bongo hin. Erwin Grote wendet sich zufrieden der Ablage zwischen den Boxen zu.

"Tanz mit mir/Balla con me",
AGR Records 2006, LC 10986,
Infos unter Tel. 0221-3762990

taz NRW Nr. 8132 vom 22.11.2006, Seite 3, 283 TAZ-Bericht HENK RAIJER

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