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ALESSANDRO PALMITESSA - “Soul Circles“ Der Komponist und Saxophonist Alessandro Palmitessa hat in jüngerer Zeit von sich reden gemacht, so z.B. durch seine Zusammenarbeit mit dem Trompeter Lewis Barnes, der japanischen Freak-Out Bigband Shibuza Shirazu Orchestra oder mit der Gruppe PEM, die sich der Aufgabe verschrieben hat, Stummfilme neu zu vertonen, wie die des Film-Pioniers Walter Ruttmann. Als Bandleader hat sich Palmitessa zudem hervorgetan mit seiner italienischen Gruppe Noizland, die mehrfach ausgezeichnet wurde für ihre ungewöhnliche Verbindung von klassischem Jazz, einer mitunter metallisch rockenden Gitarre und den warmen Saxophon-Loops von Palmitessa selbst. In Köln schließlich, seinem derzeitigen Wohnort, ist Alessandro Palmitessa fest verankert durch die Leitung des „Menschen Sinfonie Orchester“, in dem professionelle Musiker mit Obdachlosen zusammen spielen. Bei Konzerten und auf CD schauen nicht nur kölnische Musikgrößen wie Klaus der Geiger oder Stefan Brings vorbei, sondern auch Musiker wie Markus Stockhausen oder die Keyboard-Legende Helmut Zerlett. Als wäre das nicht genug der Aktivitäten, tritt Alessandro Palmitessa auch solo auf, wobei er mit Holzblas- und Schlaginstrumenten, einem Akkordeon, Effektgeräten und Samplern sanft groovende Klanglandschaften erzeugt, die in ihrem melodischen und harmonischen Vokabular dem Jazz von Ellington bis Bill Frisell verpflichtet sind und in ihrer Klanglichkeit an Ryuichi Sakamoto erinnern. Mit Soul Circles nun erscheint Palmitessas lang erwartete erste Solo-CD. Ihr gelingt es, die wunderbare Atmosphäre der Live-Konzerte einzufangen, indem sie die Möglichkeiten der Spuren eines Tonstudios nutzt und so nachhaltig Eindruck hinterlässt. Alghero, ein kurzes, frei improvisiertes Stück für Saxophon solo mit Anklängen an Thelonius Monk, eröffnet die CD; an ihrem Ende steht Moskau, ein Stück, das, wäre es mit Gesang versehen, problemlos die Weltmusikcharts anführen würde. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Musik des Wahlkölners, freilich mit einigen Umwegen musikalischer wie programmatischer Natur. Die Titel der Stücke verweisen auf Orte, die der Künstler bereist hat und von deren Stimmung ihn inspirierte. Palmitessa lässt Landschaftsbilder so erklingen, dass sie den Hörer förmlich in ihre Atmosphäre hineinziehen - sei es eine Fahrt durch die Hügellandschaft von Macedonia oder die schwüle, unterschwellig aggressive Atmosphäre an den Grenzen der Townships in Ibrahim (der Titel verweist musikalisch auf den südafrikanischen Pianisten Abdullah Ibrahim). Kaum merklich irritiert in Ibrahim die verzerrte Gitarre von Cosimo Erario, der seine Fingerfertigkeit auch in einigen anderen Stücken unter Beweis stellt, wobei er sich auf dem weiten Feld zwischen geräuschhaften Störattacken und rockig singenden Gitarrenlinien bewegt. Die Stücke auf Soul Circles werden vom rhythmischen Puls der geschichteten und ineinander greifenden Loops getragen, erzeugt von Saxophonen, Klarinetten oder einem Akkordeon. Primitive Perkussion greift ein ins Geschehen, Saxophone formieren sich zu einer Bigband, Melodiepartikel ziehen kaum wahrnehmbar im Hintergrund durch die Musik, um für einen Moment ins Bewusstsein zu treten, oder sich, wie am Anfang von Sagres, zu Pattern und Schwingungen zu reihen, die kurz an die Minimal Music eines Steve Reich erinnern. Palmitessa wirft einen Blick auf Landschaften, Städte und Gegenden oder in Räume hinein und diese schauen zurück und hinterlassen ein Gefühl: Davon erzählt die Musik, die diesen Moment der Begegnung mithilfe der Loops dehnt und so erst musikalisch erfahrbar macht. Dies kann in Café Sur ein Tango sein, der, in einer Schleife gefangen, nicht recht von der Stelle kommen will, oder der Bolero-Rhythmus des gespenstischen Aufzugs einer Straßenband in Ravanel; die Klarinette, die in A/R (andata e ritorno – italienisch für Hin- und Rückfahrtticket) wie ein sehnsüchtiger Blick aus dem Fenster schweift und wieder zurückkehrt, oder der Regen, der sich als konkretes Geräusch durch Cala Verde, die grüne Bucht, zieht. Die Zeit der Kirschen schließlich, das vorletzte Stück der CD, steuert auf einen Höhepunkt zu, bei dem der Puls der Musik gänzlich aussetzt und die Harmonien der Saxophone schutzlos im Raum stehen. Soul Circles bietet eine gänzlich emotionale, dabei wunderbar entspannte Musik, die sich Kategorien wie Jazz, Ambient oder Weltmusik entzieht und sich einem weiten Publikum erschließt. Christopher Janssen (ZDF/arte/WDR Journalist)
pressemappe "SOUL CIRCLES" - deutsch